Teufel kreativ bekämpfen
WAZ (Liliane Zuuring)
Norbert hockt mit Burkhard Serong vor einem überdimensionalen bunten Vogel. Mit einem Stück Stein malt Serong auf den Boden: “Also wir könnten das hier schweißen.” “Da müssen wir aufpassen, nicht jedes Schweißen geht. Hier, das ist die Schwachstelle an den Vogelfüßen”, sagt Norbert. Norbert ist 51 Jahre. Er ist Alkoholiker, depressiv, Karosseriebauer und einer der Künstler, die mitwirken am Kunstprojekt “Der bunte Vogel und dasMonster” des Vereins “Welle” für chronisch psychisch- und suchtkranke Menschen, die die Ambulante Wohnhilfe betreut.
Was vor zwei Jahren in einer privaten Küche begann, hat seit Herbst 2006 einen festen Arbeitsraum – Burkhard Serong sei Dank. Er ist Lehrer am Berufskolleg West in Essen, setzte sich dafür ein, dass in der “Schmiede” seiner Schule gearbeitet werden kann. Jeden Dienstag von 14 bis 18 Uhr haben sich die Kranken und die Betreuer hier zum Basteln am Kunstobjekt getroffen. Wer kommt, stürzt sich gleich in die Arbeit. So wie Klaus. Er beginnt umgehend, eine Glitzerdecke zu zerschneiden.
“Alle haben zwar schon angefangen, aber wir müssen uns kurz zu einer Dienstbesprechung treffen. Heute möchte ich am Ende des Tages einen Projektdurchlauf machen, damit alles klappt am Freitag”, sagt Projektleiterin Kathrin Schinski. Denn am Freitag, 9. März, muss alles sitzen: Große Bilder müssen aufgestellt, Nebelmaschine und Lichter rechtzeitig angeworfen, die Klänge dazu abgespielt werden bei der Vernissage für alle Interessierten um 11 Uhr in der Fachklinik Kamillushaus, Heidhauser Straße 273.
Vom Sperrmüll, aus Kellern und Werkstätten haben die Beteiligten zusammengetragen. Sogar ein echter Hundeschädel für das Monster ist dabei: “Den habe ich im Urlaub am Strand gefunden”, sagt Frieder Lerch von der Ambulanten Wohnhilfe. Zunächst begannen die Teilnehmer mit dem Bau eines schönen Fantasievogels. “Und weil in jedem von uns ein Teufelsteckt, der zum Beispiel zuflüstert, “Trink doch was”, wollten wir auch ein Monster erstellen”, berichtet Norbert. Das Monster erinnert an einen Geier, hat mit Gips gefüllte Handschuhfüße auf Gartenkrallen. Der bunte Vogel dagegen breitet seine Flügel aus Fahrradreflektoren aus. Mit Studenten des Instituts Musik und Medien in Düsseldorf erstellten die Künstler eine dazupassende Klangcollage. Klaus hat dafür sogar Texte eingesprochen.

Der Hundeschädel ist ein Fundstück – so wie alle Materialien, die die Künstler nutzen.
“Die Künstler befassen sich hier mit einem Thema. Sie fragen sich die Woche über, wie man die Flügel festmacht, damit entdecken sie in ihrem Leben einen kleinen Sinn, merken, dass es nicht viel Geld braucht, um sich zu beschäftigen”, so Lerch. Auch die Diskussionen in der Gruppe, ergänzt Kathrin Schinski, seien wichtig: “Wie wirke ich auf andere, warum konnte ich mich nicht durchsetzen.”
Norbert setzt sich durch mit seiner Idee, dass es nicht gut ist, am Freitag mit den Riesenleinwänden mit der Bahn zur Vernissage zu fahren. Ein Pferdetransporter soll her. Doch dann geht’s wieder an die Arbeit: Leinwandständer fehlen, der Vogel braucht festen Stand, das Monster eine Nebelmaschinenabdeckung. Der Freitag rückt näher.

Norbert arbeitet intensiv an dem “Monster”. Sein Monster, sein Teufel ist der Alkohol. Das Kunstprojekt hilft ihm.
WAZ, 07.03.2007, von Liliane Zuuring